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Bekenntnisse eines E-Reader-Süchtigen

Nun wird es endlich still um Günther Grass, und auch die Salafisten geben momentan Ruhe. Erstaunlicherweise hat sich die Häme – und die Schadenfreude – über das Absetzen von Thomas Gottschalk in Grenzen gehalten. Gut so. Sonst hätte ich ihn in Schutz genommen (obwohl er seine Seele längst an die Werbebranche verkauft hat – aber wer ist halt perfekt?).

Abgesehen von einem Börsencrash, einem knallenden Meteor über den westlichen USA, Mordlust in Syrien und schon wieder Malware im Iran scheint die Welt heute ziemlich ruhig zu sein.

Eine nette Gelegenheit also, um über meine neue Sucht zu berichten. Ja, ich bin E-Bookaholiker geworden.

Auch meine Frau leidet an dieser Krankheit. Gleiches gilt, denke ich, für Freund Nick (Name verfälscht). Er hat mir neuerdings mitgeteilt, dass er bereits 200 Bücher auf seinem „Reader“ hat.

„Es verändert deine Lesegewohnheiten vollständig“, sagte er. „Man liest mehrere Bücher gleichzeitig.“

Nick hat recht. Zwar besitze ich „nur“ etwa 90 Stück. (Was heißt 90? Manche sind Gesamtwerke!) Ich stelle aber fest, wie ich zwanghaft vom Buch zu Buch springe – wie einer, der mehrere Pralinenschachteln zum Geburtstag bekommen hat. Und das Lesegerät weiß jedesmal, wo ich jeweils zu lesen aufgehört habe. Kluger E-Reader!

Neunzig Bücher. Damit habe ich mich bereits mit Lektüre für mehrere Jahre abgedeckt, gesetzt den Fall, ich würde alles durchlesen. Und das Schöne: Das meiste bekam ich kostenlos! Zugegeben: Für manches habe ich einen Euro bezahlt. Doch bisher habe ich nur zwei oder drei Bücher gekauft, die um die zehn Euro kosteten.

Wer kann es widerstehen? Das gesamte Sherlock Holmes für Pfennigbeträge. Oder das gesamte Kafka. Meine Frau hat sich Dickens für einen Apfel und ein Ei geschnappt. Nick liest lieber die Philosophen. Adorno hat er kostenlos bekommen. Und Heidi (Name verfälscht), eine alte Freundin meiner Frau, schaut jeden Tag nach Sonderangeboten. Sie mag aber am liebsten die Krimis.

Zur Erinnerung: Als die ersten CD-Spieler auf den Markt kamen, war es ähnlich. Man hat vieles spottbillig erhalten. So ist es beim Marketing. Man muss den Kunden erst ködern.

Doch das E-Buchphänomen ist anders als das CD-Geschäft: CDs konnte man auf beliebigen Abspielgeräten lauschen. E-Bücher sind Gerätehersteller-abhängig. Amazon, Sony, Barnes and Nobles verkaufen E-Bücher, die nur auf dem eigenen Reader lesbar sind. Kein Wunder, dass gewiefte Hacker Software entworfen haben, um die Codes zu knacken, damit jedes Buch auf jedem Reader zu schmökern ist. Gäbe es diese Programme nicht, wäre es schier unmöglich, Ein „Buch“ einem zweiten Leser„auszuleihen“.

Stellen Sie sich eine fünfköpfige Familie vor. Drei aus dieser Familie möchten dasselbe E-Buch lesen. Dies wäre mit einer Kopie des E-Buches nur möglich, wenn einer dem anderen das Lesegerät, worauf das Buch gespeichert ist, in die Hände gäbe. Nur: Ein Lesegerät enthält unter Umständen eine ganze Bibliothek. Wie kann man das „Buch“ ausleihen, wenn man gleichzeitig ein anderes „Buch“ auf dem Reader lesen will? Fazit: Man bräuchte mehrere Lesegeräte und den gleichen Titel mehrmals, sollten alle gleichzeitig das Buch lesen können. Ohne Hacker-Software freilich ein Alptraum.

Gegenwärtig jedenfalls möchten uns Amazon, B&N, Sony usw. erst auf den Geschmack bringen, was natürlich unbedingt mit Vorteilen verbunden sein muss. Man will uns also erst süchtig machen, den Sammeltrieb durch günstige Angebote erwecken. Erklären Sie mir bitte, wie man die Versuchung widerstehen kann?

Dazu spart man Platz. Schon lange höre ich, dass Adalbert Stifter tolle, langsam zu lesende Büchergenüsse geschrieben hat. Es sind aber dicke Wälzer, nehmen viel Platz auf dem Bücherregal. Für mich wieder ein Vorteil, sie elektronisch zu besitzen.

Aber was ist, wenn wir eines Tages nur noch E-Bücher zu lesen bekommen? Werden Sie vielleicht teurer? Wird manches nicht mehr gedruckt, um dann ganz vom Radarschirm zu verschwinden? Befinden wir uns an der Schwelle eines neuen Zeitalters der Literatur, das zu einem radikalen Aussortieren des Vorhandenen führen wird, wie einst nach dem Zusammenbruch Roms in den Klöstern geschah?

Heute ist das mir schnurzegal. Ich möchte lieber raffen, raffen raffen, so lange es noch geht. Ich heiße der Sprachbloggeur und bin E-Bookaholiker.

Kommentare

Lieber Sprachbloggeur,

nur allzu gut kann ich Ihre Faszination für diese neuen und äußerst praktischen Spielzeuge nachvollziehen. Es ist in etwa die gleiche Revolution wie die Erfindung des Walkman - übrigens eine vom deutschen Andreas Pavel geklaute Idee - und später dessen Revolution durch ein Apfel-Gerät mit gleicher Funktion. Nicht nur, sich frei zusammenstellen zu können, was man mag, sondern dies auch noch jederzeit mit sich führen zu können war früher mit dem selbstgemixten Band schon toll und ist heute, da man die ganze heimische Bibliothek in der Westentasche hat, für mich ein echter technischer Meilenstein. Doch ist dies nur eine, die bequeme Seite der Medallie. Wie oft erinnere ich mich daran, wie ich als Kind Märchenschallplatten auf dem elterlichen Plattenspieler gelauscht habe - das trotz guter Pflege und Mikrofasertuch unvermeidliche Knacken der Nadel, wenn ein Staubfaden auf der Platte lag, macht für mich heute das wohlige Gefühl aus, daß einer digitalen, "saubere" Version des gleichen Hörstücks fehlt und es dadurch für mich entzaubert. Ganz ähnlich sehe ich es beim digitalen Buch. Für mich macht schon seit ich lesen kann, nicht nur der Text das Buch aus, sondern auch dessen Einband, die Beschaffenheit des Papiers und nicht zuletzt der Geruch von Zellulose und Druckerschwärze. Wie ein Buch duftet, wenn man es neu aus dem Laden das erste mal öffnet oder wie einem die Jahre entgegenatmen, wenn man in einer Bibliothek einen alten Schinken aus dem Regal zieht, beides kann das eBook nicht wiedergeben. Gleichzeitig konserviert ein Buch auch das Leben des Besitzers. Ich denke dabei an die liebevoll (oder pubertär) kommentierten und ausgearbeiteten Reclamhefte aus der Schulzeit oder Taschenbücher, aus denen noch heute der Ostseesand rieselt, wo einem jeder Teefleck und jedes Eselsohr eine Geschichte erzählen. Erst neulich erstand ich auf einem Flohmarkt ein Buch, in dem sich eine Hotelabrechnung als Lesezeichen befand. Es beflügelte meine Fantasie über den früheren Besitzer und wies das Werk als ein weitgereistes aus. Wie soll man solcherlei Leben in eine schreib- und kopiergeschützte digitale Datei einfließen lassen? Deswegen bleibt für mich - selbst als einer, der mit IT sein Geld verdient - das papierene Buch genauso unersetzlich, wie die zum Glück nicht totzubekommende Schallplatte.

Viele Grüße,
pappe

Sehr geehrter Sprachbloggeur,

bisher war ich stets nur ein "Konsument" Ihres schönen Blogs, aber mit dem aktuellen Blogartikel zum Thema E-Books muss ich jetzt auch mal proaktiv werden ;-) Ich habe mir vor einigen Wochen ebenfalls einen E-Book-Reader gekauft und war/bin wirklich begeistert von dem Gerät. Plötzlich hat man nicht nur ein Buch, sondern gleich mehrere hundert Bücher stets zur Hand. Fantastisch! Da ich selbst häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin und mich selbst beruflich viel mit Literatur und Literaturübersetzungen beschäftige, ist dies natürlich eine feine Sache für mich. Außerdem wird mein Bücherregal nun teilweise entlastet :-) Neben den zahlreichen positiven Eigenschaften hat so ein E-Book-Reader meiner Meinung nach allerdings auch zwei Schattenseiten: Das Gerät braucht regelmäßig Strom (ungünstig, wenn man gerade in Bus oder Bahn sitzt und keine Steckdose zur Hand ist) und es fehlt bei all der Technik doch irgendwie das echte "Bücher-Feeling". Diese beiden Kritikpunkte kann man zwar verschmerzen, allerdings können sie trotzdem den Literatur-Genuss schmälern, weshalb ich den klassischen Büchern aus Papier vorerst noch nicht entsagen werde.

Liebe Grüße,
Christine

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